Sonntag, 19. Februar 2012

Gelesen: Der Sommer ohne Männer

Ich musste aus der Wohnung, weil ich es dort nicht mehr aushielt. Die Zimmer und die Möbel, die Geräusche von der Straße, das Licht, das in mein Arbeitszimmer fiel, die Zahnbürsten auf der kleinen Ablage, der Schlafzimmerschrank mit dem fehlenden Knauf - sie waren alle gleichsam schmerzende Knochen geworden, ein Gelenk, eine Rippe oder ein Wirbel in einer strukturierten Anatomie gemeinsamer Erinnerungen; jedes vertaute Ding, bleiern von den darin gespeicherten Bedeutungen, wog schwer in meinem Körper, und ich merkte, dass ich die Last nicht länger tragen konnte.


Mia wirft der Wunsch ihres Ehemannes Boris nach einer Pause so sehr aus der Bahn, dass sie im Krankenhaus landet. Gespräche mit ihrer Ärztin, dem Besuch bei ihrer Mutter, ein kreativer Schreibkurs für Jugendliche etc. geben ihrem Alltag langsam wieder einen Sinn. Ihre Gedanken drehen sich, sie schreibt darüber Gedichte und hin und wieder kleine E-Mails an Boris. Es ist schön zu lesen, welche Gespräche sie führt und welche neuen Begegnungen sie macht; man merkt, dass es langsam wieder aufwärst geht - ein gutes Gefühl. Auch ein Happy End?

Das Buch hat mich immer wieder überrascht: Ob kurze Kapitel, die nur aus wenigen Sätzen bestehen, Gedichte zwischendurch oder Anmerkungen der Autorin, die ihre Leserschaft direkt anspricht - all das hatte ich nicht erwartet. Leider war das Lesen daher nicht so "fließend", manchmal eher abgehackt und unterbrochen, was ich störend fand.
Abgesehen von diesem mir eher unbekannten Schreibstil, hat mir "Der Sommer ohne Männer" gut gefallen.
Im Nachhinein denke ich nur, dass die Autorin nicht nur über die Zeit nach dem Zusammenbruch und dem damit verbundenen Krankenhausaufenthalt hätte schreiben sollen. Wäre dieser Tiefpunkt aufgegriffen worden, wäre man mit Mia sprichwörtlich "durch Höhen und Tiefen" gegangen. So aber hat mir etwas gefehlt, weswegen ich nicht vollauf begeistert bin.



Hustvedt, Siri: Der Sommer ohne Männer. Rowohlt Verlag.



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