Mittwoch, 4. April 2012

Gelesen: Der Hals der Giraffe

Wie entdeckt man eigentlich ein Buch?
Warum finden wir es gut, wollen es schließlich lesen?
Was spielt bei der Auswahl alles mit?
- Über diese Fragen denke ich - beruflich bedingt natürlich auch - oft nach, diskutiere mit Freunden und beobachte gerne die Kunden einer Buchhandlung...

Auf "Der Hals der Giraffe" wurde ich beispielsweise auf eine ungewöhnliche Art aufmerksam: Durch einen Artikel über den Einband, das besondere, speziell für die erste Auflage des Buches produzierte Leinen. Da die Autorin, Judith Schalansky, auch Buchgestalterin ist, hat sie also nicht nur geschrieben, sondern auch illustriert und die Einbandart (Seitenhintergrund) ausgesucht. Der Artikel befasste sich mit den Schwierigkeiten der Nachproduktion des Stoffes, als das Buch in den weiteren Auflagendruck ging - sehr spannend, wie ich fand.
Vielleicht hat ja jemand einmal die Gelegenheit, mehrere Exemplare dieses Buches aus den verschiedenen Auflagen nebeneinander zu sehen - ihr werdet merken, dass das Leinen unterschiedliche Farbtöne bekommen hat...




In "Der Hals der Giraffe" begleiten wir die Sport- und Biologielehrerin Inge Lohmark durch drei Tage eines Schuljahres. Das Gymnasium "im vorpommerschen Hinterland", an dem sie unterrichtet, muss aufgrund schwindender Schülerzahlen in vier Jahren schließen. Inge Lohmark unterrichtet die 9. Klasse, also den letzten Abiturjahrgang dieser Schule.

Mit genauem Blick nimmt sie ihre Umgebung, ihre Schüler und das Kollegium war. Das ist sehr amüsant, da oftmals sehr direkt und ohne etwas zu beschönigen. Ich habe jedenfalls an mehreren Stellen herzhaft über Schülerportraits ("Laura - verwachsener, farbloser Pony über den Schlupfliedern. Traniger Blick. Pustelige Haut. Ambitions- und interessenlos. Unauffällig wie Unkraut.") oder trockene Aussagen gelacht.

Aber wie soll es eigentlich nach der Schulschließung für Inge Lohmark weitergehen? - Mit ihrem Mann bildet sie seit Jahren lediglich noch eine Art Zweckgemeinschaft; er züchtet nach der Wende hobbymäßig Strauße. Die gemeinsame Tochter Claudia ist vor 12 Jahren in die USA ausgewandert und macht keine Anstalten zurück zu kehren. Alternativ an der örtlichen Volkshochschule unterrichten? - Kam für sie nicht in Frage ("Die Naturwissenschaft taugte nicht als Hobby"). Also? - "Das kluge Tier wartet ab", meint Inge Lohmark.

Die Unterrichtsbeschreibungen und Rückblenden auf vergangene private Begebenheiten zeichnen ein vielschichtiges Bild einer äußerlich souveränen Frau, deren naturwissenschaftliches Denken und den damit verbundenen Ansprüchen weit über den Unterricht hinaus gehen. Vieles erschließt sich dabei nicht auf Anhieb, sondern wird erst im Nachhinein klarer, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Einiges wird auch nur angedeutet, lässt Spekulationen zu...


Fazit: Das Buch ist - nicht nur von der Aufmachung her - ungewöhnlich und schön und daher empfehlenswert, finde ich.
Ein Augenschmaus sind übrigens auch die feinen Zeichnungen zur Veranschaulichung von Entwicklungsstadien, Vererbungslehre, Körperbau...






Nachtrag vom 24.04.2012:
Ein weiteres Lob: "ein Wundergebilde"

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