Sonntag, 1. April 2012

Gelesen: Die Einsamen

Früher - vor ca. zehn Jahren ;-) - las ich kaum Krimis und Thriller. Ich mochte eher Romane, lange, ausschweifende Geschichten, Figuren, die man in ihrer Lebensgeschichte begleiten kann... Da blieben mir Krimi-Figuren meist zu oberflächlich und daher fremd, die Handlung war mir oft zu platt, die Geschichte für mich zu sehr auf Spannung ausgelegt...
[Okay, ein paar Ausnahmen gab es: Minette Walters- und ein paar ausgeliehene John Grisham-Krimis fand ich gut. :-) ]

Im Studium habe ich dann nach langem Überlegen ein Literatur-Hauptseminar zu skandinavischen Krimis besucht. Voraussetzung für die Teilnahme war das Lesen x verschiedener skandinavischer Krimis von unterschiedlichen Autoren in den vorangegangenen Semesterferien. In meiner Skepsis deckte ich mich vorsichtig erst einmal nur mit gebrauchten Taschenbüchern ein und begann erst gegen Ende der Semesterferien zu lesen...
Und merkte rasch, dass es da einen neuen Krimi-Schreibstil gibt, der auch mir gefällt: Ermittler, die menschlich sind, Makel haben. Eine Geschichte, die nicht immer nur weiter geht und an Fahrt zunimmt, sondern auch einmal stockt und die Figuren an ihrem Vorgehen zweifeln lassen. Ein Kriminalfall, der nicht auf Teufel komm raus spektakulär ist und voller Blut und abtrünniger Motive steckt usw.

Bevor ich ins Schwärmen gerate... ;-)... letztendlich habe ich meine schriftliche Literatur-Abschlussprüfung über diesen Schwerpunkt geschrieben und bin seitdem offen(er) gegenüber Krimis im Allgemeinen und positiv eingestellt zu skandinavischen Krimis im Speziellen.
Wer sich für den "wissenschaftlichen" Hintergrund interessiert, empfehle ich das Reclam-Büchlein "Theorie des Kriminalromans", das es sicherlich noch gebraucht gibt.

Aber zurück zu meiner letzten Lektüre - was für ein Umweg ;-), - "Die Einsamen" von Hakan Nesser, mein erster (aber nicht der erste) Fall mit Inspektor Barbarotti.






Inspektor Barbarotti und seine Kollegin Eva Backmann grübeln über einen Todesfall, der zurück in die Vergangenheit vor über 30 Jahren führt: Unter einer Klippe im Wald wird ein Mann gefunden, dessen Freundin damals an genau derselben Stelle tot aufgefunden wurde.
Der Tot (Mord?) der Frau konnte in der Vergangenheit nicht gelöst werden und auch die aktuellen Ermittlungen kommen ins Stocken und scheinen keinen Erfolg zu haben. Die Sichtung der alten Gesprächsprotokolle, das erneute Aufsuchen der damaligen Freunde und Bekannte, das große Fragezeichen der sich drehenden Gedanken - alles zieht sich, es gibt keine neuen Erkenntnisse. Zweifel kommen auf, der Fall soll schließlich nicht weiter verfolgt werden.

Das Buch ist über 600 Seiten dick, da liegen die Fragen "Soll das dann alles gewesen sein? Darf in einem Krimi anscheinend auch mal nichts passieren?" nahe. - Ich finde: Ja! Im Leben läuft nicht alles nach Plan, nach A kommt nicht automatisch B. Es gibt Phasen, da geht nichts voran und man zweifelt und hinterfragt viel.
Im Fall von Barbarotti führt z.B. ein Unfall in der Familie dazu, dass er sein Welt- und Gottesbild in Frage stellt. Das ist menschlich, das macht mich selbst nachdenklich. Dafür mag ich Inspektor Barbarotti!


Dass nichts passiert, ist falsch ausgedrückt.
Da die Geschichte auf zwei Erzählsträngen basiert, nämlich der aktuellen Ermittlung und dazwischen Kapitel mit Gedanken/ Tagebucheinträgen aus der Vergangenheit der tot aufgefundenen Frau, treiben die Rückblenden das Geschehen auf ihre Art voran. Man merkt schnell, dass da noch etwas sein muss, was bisher übersehen oder nicht angedacht wurde. Bis zum tatsächlichen, wie ich finde, überraschenenden Ende, irrt man daher zusammen mit den beiden Ermittlern und lässt die Gedanken ebenso kreisen und versucht die offenen Fragen zu beantworten.
Das kann auch große Spannung sein!


Daher hiermit eine weitere Buchempfehlung; Lesen! :-)


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