Montag, 30. April 2012

Gelesen: Tschick

Ich hatte nie einen Spitznamen. [...] Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keine Freunde. Wenn ich mich für eins von beiden entscheiden müsste, wär's mir, ehrlich gesagt, lieber, keine Freunde zu haben, als wahnsinnig langweilig zu sein. Weil, wenn man langweilig ist, hat man automatisch keine Freunde, oder nur Freunde, die noch langweiliger sind als man selbst. 
Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem.


Der 14-jährige Außenseiter Maik wird die Sommerferien alleine am elterlichen Pool verbringen, während seine Mutter in der Entzugsklinik und sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise ist. Und während seine Klassenkameraden bei Maiks Schwarm Tatjana feiern, sitzt er ohne Einladung zu Hause und malt an einem Portrait von ihr.
Doch dann taucht Tschick auf:


Ein klappriges Auto kam die Straße runtergefahren. Es fuhr langsam auf unser Haus zu und bog in die Auffahrt ein. Eine Minute stand der hellblaue Lada Niva mit laufendem Motor vor unserer Garage, dann wurde der Motor abgestellt. Die Fahrertür ging auf, Tschick stieg aus. Er legte beide Ellenbogen aufs Autodach und sah zu, wie ich den Rasen sprengte. "Ah", sagte er, und dann sagte er lange nichts mehr. "Macht das Spaß?"


Und dann geht es los. Mit einem geklauten, pardon, ausgeliehenen Auto raus aus Berlin und ab aufs Land, rein in einen verrückten Sommer voller absurder und lustiger Abenteuer und Begegnungen.


"Was soll ich denn machen? Soll ich zu Tatjana gehen und sagen, herzlichen Glückwunsch, ich hab hier ein kleines Geschenk für dich zum Geburtstag - und es stört mich auch überhaupt nicht, dass ich nicht eingeladen bin und jeder andere Spacken schon, ja wirklich, kein Problem. Und ich komm hier auch nur zufällig vorbei und geh auch gleich wieder - viel Spaß mit dieser Zeichnung, an der ich mir drei Monate lang den Arsch abgearbeitet hab?"
Tschick kratzte sich am Hals. Er legte die Zeichnung auf den Schreibtisch, betrachtete sie kopfschüttelnd und sah mich dann wieder an und sagte: "Genau so würd ich's machen. Im Ernst, du musst was machen. Wenn du nichts machst, wirst du verrückt. Lass uns da vorbeifahren. Ist doch wurscht, ob du denkst, es ist peinlich. In einem geklauten Lada ist eh nichts mehr peinlich. Zieh deine geile Jacke an, nimm deine Zeichnung und schwing deinen Arsch ins Auto."

 


Auf "Tschick" bin ich bereits im letzten Jahr aufgrund seiner Nominierungen (Leipziger Buchpreis, Gewinner des Dt. Jugendliteraturpreises 2011) aufmerksam geworden. Erst durch die Empfehlung meiner ehemaligen Kollegin habe ich es nun tatsächlich in die Hände genommen - und bin begeistert.
Oberflächlich eine leichte Lektüre, gerne auch geeignet für Jugendliche, dennoch gespickt mit existenziellen Gedanken, flotten Gesprächen und vielfältigen Charakteren.
Das Buch machte mir Lust auf Sommer, Lust auf "Du zeigst - ich fahre". :-)




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