Sonntag, 30. September 2012

Gelesen: Die Erfindung des Lebens

In den letzten Wochen hat mich wieder ein wunderbares Buch in meinen freien Pausen begleitet, das ganz nach meinem Geschmack war und das ich euch unbedingt empfehlen muss:
Eine Art schicksalshafte Lebensgeschichte voller Wendungen, geschrieben in zwei Zeitebenen mit etlichen Rückblicken. Ein Mitfiebern auf knapp 600 Seiten entstand, die Freude über ein Happy End war groß und - was so noch kein Buch wirklich geschafft hat - die Tatsache, dass ich dazu angeregt wurde, mich auf die gezielte Suche nach den im Buch erwähnten Komponisten zu machen, um deren Musik entdecken zu können : "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil.

Ortheil, Hanns-Josef: Die Erfindung des Lebens. München: btb Verlag 2011.

Johannes ist stumm. Seine Mutter spricht nach dem Verlust ihrer ersten Kinder während des Zweiten Weltkrieges aus Gram kein Wort mehr, und so wächst auch Johannes stumm an ihrer Seite auf. Seine Umwelt dagegen nimmt er genau war:

Die meisten anderen Kinder wurden unaufhörlich etwas gefragt, Möchtest du ein Eis? Hast du nasse Füße?, Warum hast du das getan?, ich aber wurde das nie, höchstens aus Versehen in einem Kaufladen, wenn die Verkäuferinnen mich fragten, ob ich eine Scheibe Wurst wolle, und dann, wenn ich mich nicht rührte, die Frage rasch wieder zurücknahmen und sagten: Ach Gott, er kann uns ja gar nicht verstehen!
Jedes Mal ärgerte ich mich über eine so blöde Bemerkung und begriff nicht, warum sie bloß annahmen, ich könne sie nicht verstehen, denn natürlich verstand ich sie sehr genau. Manche Verkäuferinnen und auch einige Menschen in unserer Nachbarschaft glaubten aber fest, ich verstünde sie nicht, ja sie taten wenn sie einmal begriffen hatten, dass ich stumm war und nur sehr verhalten reagierte, sogar so, als wäre ich mit dieser Auskunft für sie gestorben. So etwas bemerkte ich schnell, ich merkte es daran, dass sie mich gar nicht mehr oder nur noch sehr flüchtig anschauten, es war, als existierte ich nicht mehr, sondern stünde nur noch herum wie ein Phantom, das sich irgedwann ganz in Luft auflösen würde.

Der Umgang mit anderen Menschen fällt Johannes schwer. In der Schule ist und bleibt er daher ein Außenseiter. Aber es kommt noch schlimmer, denn auch sein Klassenlehrer gibt ihn irgendwann auf und wettert gegen ihn.
Genau in dieser Zeit erhält Johannes' Familie ein gebrauchtes Klavier des Onkels. Nachdem es tagelang völlig unbeachtet ein ebenfalls stummes Dasein im Wohnzimmer gefristet hat, beginnt Johannes' Mutter eines abends unerwartet mit dem Klavierspiel.

Es war ein Perlen, ein allmählich immer lauter werdendes Hineinströmen eines großen Klangs in den Flur, als hätte eine starke Erscheinung die Mauern des Schweigens plötzlich durchbrochen und als dränge die lange ausgesperrte Außenwelt endlich triumphal und mächtig herein.
Heute weiß ich, dass ich einen stärkeren und schöneren Augenblick nie erlebt habe. Von einem Moment zum andern verwandelte sich alles: Jetzt spürte ich plötzlich das Leben, da war es, frisch, überwältigend, hinreißend, als wollte es einen mit Gewalt packen und von den bloßen Träumerein befreien! Es war wie eine Offenbarung, die mich sofort berauschte, ja, diese Musik war ein Sog, dem ich ohne jedes Nachdenken folgte, denn sie sang und erzählte von Freiheit und Glück und ließ mich alles Leiden mit einem Schlag vergessen.

Und so kommt es, dass auch Johannes mit dem Klavierspiel beginnt und sein bisheriges Leben eine ganz neue Perspektive erhält.

Dieses Spiel bedeutete die Befreiung und das Ende der demütigenden Tage, an denen ich mich allein im Flur der Wohnung herumgetrieben hatte und in den Läden und Geschäften in der Umgebung verhöhnt oder auf dem Kinderspielplatz ins Abseits geschoben worden war. Endlich wusste ich, wie ich aus dem Idiotendasein herausfinden konnte, endlich hatte ich einen konkreten Plan mit einem festen Ziel: Ich wollte ab jetzt morgens und nachmittags üben, ich wollte beweisen, dass auch ich etwas konnte, ich wollte ein guter Klavier- und später vielleicht sogar ein noch besserer Orgelspieler werden.

Vielleicht hätte Johannes nie mit dem Sprechen begonnen, wenn es nicht einen Eklat in der Schule gegeben hätte, infolgedessen sein Vater ihn aus dem Unterricht nahm. Er fuhr daraufhin mit seinem Sohn für einige Zeit zu seinen eigenen Eltern aufs Land und unternahm dort täglich lange Spaziergänge mit ihm. Vielfältige Naturstudien, das andere, ländliche Lebensumfeld, neue Begegnungen... bald beginnt Johannes zu sprechen.

Er wechselt die Schule und geht fortan auf ein Musikinternat, erhält gezielten Klavierunterricht und entdeckt die Orgel für sich. Nach seinem Abitur beginnt er ein Klavierstudium am Konservatorium in Rom. Erste Erfolge als Pianist, Clara, seine erste Liebe, das freundschaftliche Zusammensein mit seinen Kommilitonen - es könnte eigentlich alles so schön sein.
Doch eine Sehnenscheidenentzündung bringt das jähe Ende des Studiums und der Pianistenlaufbahn. Keine Auftritte, kein virtuoses Spielen, kein endloser Applaus mehr.
Johannes' Traum zerplatzt wie eine Seifenblase, Clara und er trennen sich, er verlässt Rom...

Ich habe meinen Eltern nichts von diesem Auftritt erzählt [...] Jetzt ist geschehen, woran ich nicht mehr zu glauben gewagt habe, ich habe mich aus eigener Kraft aus einer schlimmen Lage befreit. [...] Seit dem Tag, an dem ich aus Rom zurückkam, ist dies der schönste Tag. Es gibt also wieder schöne, sehr schöne Tage, an denen man kein bisschen traurig ist. Es gibt auch wieder Tage ohne Traurigkeit, die gibt es wieder. Heute ist so ein Tag. Ich freue mich. Ich werde mir nicht das Leben nehmen, nein, das werde ich nicht. Ich werde nicht einmal mehr daran denken, ob ich mir das Leben nehmen sollte. Es gibt keinen Grund mehr, sich das Leben zu nehmen. Ich freue mich, ich freue mich sehr...

Johannes findet seine Passion letztendlich im Schreiben - bei der Sprache, mit der er jahrelang gekämpft hat. Er wird Schriftsteller und veranstaltet Lesungen.


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